Leadership-Impulse

Motivation ist überschätzt – warum Leader an ganz anderer Stelle scheitern

leadership linkedin-newsletter Jan 22, 2026
Motivation ist überschätzt – warum Leader an ganz anderer Stelle scheitern

Am letzten Montag hatte Edgar Allan Poe (1809–1849) Geburtstag.
Ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts als Referenz für modernes Leadership?

Gerade deshalb lohnt sich der Blick.

Poe beschäftigte sich intensiv mit inneren Spannungszuständen. Mit dem, was Menschen antreibt – und mit dem, was sie zermürbt. Einer seiner Sätze ist erstaunlich zeitlos:

“The true genius shudders at incompleteness.”
(„Das wahre Genie schaudert vor Unvollständigkeit.“)

Überträgt man diesen Gedanken auf Führung, trifft er einen wunden Punkt unserer Zeit.


Das eigentliche Problem beginnt nach der Entscheidung

In Gesprächen mit erfahrenen Führungskräften taucht ein Muster immer wieder auf. Selten hört man: „Mir fehlt die Motivation.“

Was viel häufiger gesagt wird, klingt so:

  • „Eigentlich ist klar, was wir tun müssten.“

  • „Das Thema ist seit Monaten bekannt.“

  • „Wir sind grundsätzlich dran – aber es kommt immer wieder etwas dazwischen.“

Ziele sind formuliert. Initiativen sinnvoll. Die Ambition ist vorhanden.
Und trotzdem bleiben Dinge halbfertig liegen.

Nicht aus Widerstand. Nicht aus Inkompetenz. Sondern weil zwischen Entscheidung und konsequentem Weiterführen eine Lücke entsteht.

Genau hier entsteht Unvollständigkeit.


Warum offene Enden so viel Energie kosten

Die Psychologie kennt dieses Phänomen gut. Die sogenannte Zeigarnik-Wirkung beschreibt, dass unerledigte Aufgaben unser Denken stärker beschäftigen als abgeschlossene – selbst dann, wenn sie objektiv klein sind.

Das erklärt eine Beobachtung, die viele Führungskräfte aus dem Alltag kennen: Man arbeitet viel, ist ständig beschäftigt, fühlt sich am Ende des Tages aber trotzdem innerlich unruhig.

Nicht wegen der Anzahl Aufgaben.
Sondern wegen der offenen Schleifen.

Ein Gespräch, das man schon lange führen wollte.
Eine Entscheidung, die immer wieder vertagt wird.
Ein Thema, das „eigentlich klar“ ist, aber nie sauber abgeschlossen wurde.

Unvollständigkeit erzeugt innere Reibung – oft über Wochen oder Monate.

Gerade zu Jahresbeginn oder zum Start eines neuen Quartals verstärkt sich dieser Effekt häufig. Viele Führungskräfte starten parallel mehrere Initiativen, setzen neue Schwerpunkte und nehmen sich bewusst vor, Dinge diesmal konsequenter anzugehen.

Was dabei oft unterschätzt wird: Jede zusätzliche offene Schleife erhöht die kognitive Last. Nicht linear, sondern spürbar. Irgendwann fühlt sich selbst ein objektiv überschaubarer Arbeitsalltag schwer an – nicht wegen der Arbeit selbst, sondern wegen der vielen mental offenen Enden.


Warum Motivation hier kaum hilft

Motivation wird in der Führung häufig überschätzt. Sie fühlt sich gut an, erzeugt Aufbruch und kurzfristige Energie. Gerade zu Jahresbeginn ist davon meist reichlich vorhanden.

Das Problem: Motivation ist volatil.

Forschung zur Selbstregulation zeigt seit Jahren, wie stark unsere Willenskraft schwankt – abhängig von Schlaf, Stress, Druck, sozialem Umfeld. Das ist kein persönliches Defizit, sondern menschlich.

Wer Führung stark auf Motivation aufbaut, verlässt sich auf etwas, das nicht stabil ist.


Eine typische Aussage aus der Praxis

Was viele Führungskräfte von sich selbst sagen – oft fast wortgleich – ist:

„Ich starte viele Dinge mit voller Energie. Und ärgere mich Wochen später, dass sie nicht sauber abgeschlossen sind.“

Das ist kein individuelles Problem. Es ist ein strukturelles.

Häufig sind die Schritte zu groß gewählt. Oder Entscheidungen werden so lange vorbereitet, bis sie innerlich schwer werden. Oder der Alltag gewinnt schrittweise wieder die Oberhand.

Der Hebel liegt selten in noch mehr Antrieb. Er liegt in bewusster Reduktion und Verlässlichkeit.


Führung zeigt sich im Muster, nicht im Anspruch

Viele Leader haben hohe Ansprüche. An sich selbst. An ihr Team. An Ergebnisse.

Der Unterschied zwischen guten und wirklich wirksamen Führungskräften liegt weniger im Anspruch – sondern im Muster:

  • Welche Dinge werden auch an vollen Tagen umgesetzt?

  • Welche Entscheidungen werden nicht unnötig vertagt?

  • Welche Schritte sind bewusst so gewählt, dass sie realistisch bleiben?

James Clear bringt es in der Gewohnheitsforschung auf den Punkt:
Dauerhafte Veränderung entsteht über Systeme, nicht über Vorsätze.


Drei Denkimpulse für diese Woche

Keine Methode, kein Framework – nur drei saubere Fragen:

1. Welcher kleine Schritt wird diese Woche jeden Tag umgesetzt – egal wie voll der Kalender ist?
Nicht der größte Hebel. Der verlässlichste.

2. Welches Thema wird seit Wochen verschoben, obwohl klar ist, dass es Wirkung hätte?
Was genau hält dich zurück: fehlende Klarheit, innere Reibung oder schlichtes Vermeiden?

3. Welche Entscheidung triffst du diese Woche bewusst früher als sonst?
Unentschiedenheit bindet Energie. Klare Entscheidungen schaffen Bewegung.


Unvollständigkeit ist teurer, als viele denken

Poe ging es nicht um Produktivität. Ihm ging es um innere Ordnung.

Übertragen auf Leadership heißt das: Wirkung entsteht dort, wo Dinge nicht nur gestartet, sondern sauber abgeschlossen werden.

Nicht laut.
Nicht heroisch.
Aber nachhaltig.

Und genau dort beginnt Führung – zuerst bei dir selbst.

 

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