Leadership-Impulse

Wenn Führen bedeutet, sich selbst überflüssig zu machen

leadership linkedin-newsletter Jun 11, 2026
 Wenn Führen bedeutet, sich selbst überflüssig zu machen

Ich habe noch keine Führungskraft getroffen, die ihr Team absichtlich unselbständig gemacht hat.

Und doch komme ich in Gespräche, wo kaum eine Entscheidung getroffen wird, bevor jemand die Führungskraft um Rückbestätigung gebeten hat. Das Team ist nicht inkompetent. Es hat gelernt, wie das System hier funktioniert.

In meinem aktuellen ➔ Video stelle ich vier konkrete Schritte vor, mit denen man dieses Muster systematisch durchbrechen kann. Hier geht es um die Mechanismen dahinter, denn wer die Logik versteht, kommt an einem anderen Punkt an als jemand, der nur an den Symptomen arbeitet.


Das System, das sich selbst baut

Die meisten Führungskräfte, die faktisch der Flaschenhals ihres Teams sind, würden sich nicht so beschreiben. Sie delegieren, verteilen Aufgaben, führen Mitarbeitergespräche. Formell stimmt das alles.

Trotzdem laufen die meisten Entscheidungen über sie.

Der Unterschied sitzt zwischen zwei Konzepten, die im Alltag häufig vermischt werden: Delegation und echtes Empowerment. Delegation heisst: Aufgabe abgeben. Empowerment heisst: Entscheidungsautorität abgeben. Und genau diese zweite Übertragung bleibt in der Praxis meistens aus, oft ohne dass es bewusst entschieden wird.

Was daraus entsteht, ist ein System. Edgar Schein hat in seinen Arbeiten zur Organisationskultur gezeigt, dass das Verhalten von Führungskräften einer der wirkungsvollsten kulturellen Signalgeber in einem Unternehmen ist. Das Team beobachtet, was die Führungskraft selbst übernimmt, welche Probleme sie löst und wo sie die Kontrolle behält. Daraus zieht es Schlüsse über das, was von ihm erwartet wird.

Wenn die Führungskraft immer wieder selbst entscheidet, lernt das Team: Wir bringen Fälle, die Führungskraft löst sie. Also bringt es mehr. Die Führungskraft übernimmt noch mehr. Irgendwann sagt das Team: "Wir brauchen dich dazu", und meint es sogar ernst. Die Abhängigkeit ist real geworden. Als Schwäche taugt sie nicht als Erklärung. Sie ist die logische Anpassung an ein System.

Was Psychologen als erlernte Hilflosigkeit beschreiben, entsteht in Teams ähnlich: Wer lange genug erfahren hat, dass seine Entscheidungen am Ende doch wieder zur Führungskraft wandern, hört irgendwann auf zu entscheiden. Das kostet weder Kompetenz noch Motivation. Es kostet die Erfahrung, dass es sich lohnt.


Warum sich das so gut anfühlt

Die interessantere Frage ist nicht, warum das Team sich anpasst. Sondern warum Führungskräfte dieses System immer weiter speisen, obwohl sie gleichzeitig mehr Eigenständigkeit vom Team wollen.

Die Antwort liegt im Belohnungssystem des Gehirns.

Wenn wir ein Problem lösen, eine Entscheidung treffen, eine Aufgabe abschliessen, folgt unmittelbares Feedback: eine messbare Dopaminreaktion auf abgeschlossenes Handeln. Wer in seiner Karriere dafür bekannt geworden ist, Probleme schnell und kompetent zu lösen, hat genau in diesem Bereich starke positive Erfahrungen gesammelt. Das Kompetenzgefühl dabei ist real, und es verstärkt das Verhalten.

Verantwortung abzugeben erzeugt kein solches Signal. Der Nutzen ist verzögert, die Wirkung indirekt, das Ergebnis erst Wochen oder Monate später sichtbar. Verhaltensökonomen nennen diese Tendenz Present Bias: Menschen neigen systematisch dazu, unmittelbare Ergebnisse höher zu gewichten als verzögerte, selbst wenn sie rational wissen, dass die langfristige Option überlegen ist.

Das interne Kopfkino, das dabei entsteht, läuft zuverlässig: Ich mache das schnell selbst, ich weiss wie es geht, ich bin sicher, dass es richtig gemacht wird. Und das stimmt oft sogar. Kurzfristig. Was es mittelfristig produziert, ist ein Team, das wartet.

Das ist ein Mechanismus, der sich weitgehend unbewusst vollzieht. Genau darin liegt die eigentliche Schwierigkeit: Er fühlt sich nicht nach einem Problem an.


Was das Engagement des Teams tatsächlich kostet

Der Gallup-Forschungsbericht 2026 hält fest, dass rund 70 Prozent der Unterschiede in der Teambindung auf das direkte Führungsverhalten zurückzuführen sind.

Diese Zahl ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens ist sie ein Beleg dafür, dass Führungsverhalten kein weicher Faktor ist, sondern einer der stärksten messbaren Hebel für Retention und Produktivität. Zweitens, und das ist der hier relevante Punkt: Der Einfluss ist asymmetrisch. Eine Führungskraft, die Entscheidungen an sich zieht, sendet ein kontinuierliches Signal an das Team: Eure Urteile brauche ich nicht. Wartet auf mich.

Was dann folgt, folgt mit vorhersehbarer Regelmässigkeit. Engagement sinkt. Fähigkeiten werden nicht eingebracht. Die besten Leute gehen irgendwann dorthin, wo ihre Urteilskraft tatsächlich gefragt ist.

Der Flaschenhals ist damit teurer, als er auf den ersten Blick aussieht. Er kostet nicht nur Kapazität und Reaktionsgeschwindigkeit. Er kostet Talent.


Standards schaffen Freiraum

Bevor Verantwortung wirklich übertragen werden kann, braucht es etwas, das den meisten Teams fehlt: klar definierte Verhaltensstandards und Erwartungen.

Das klingt nach Kontrolle. Es ist das Gegenteil.

Standards ersetzen die Notwendigkeit ständiger Rückfragen. Ein Team, das weiss, wie es Prioritäten setzt, welche Qualitätsmassstäbe es anlegt, wie es mit Terminen umgeht und in welchen Situationen es selbst handelt, braucht keine permanente Führungspräsenz. Es navigiert eigenständig, weil es einen gemeinsam definierten Rahmen hat, innerhalb dessen Entscheidungen keine Rückversicherung brauchen.

Googles Project Aristotle und Richard Hackmans langjährige Studien zur Teamleistung zeigen beide dasselbe: Klarheit über Rollen, Normen und Entscheidungsspielräume ist strukturelle Voraussetzung für eigenständiges Funktionieren. Sie entsteht nicht als angenehmes Nebenprodukt guter Stimmung, sondern muss aktiv hergestellt werden.

Besonders wirksam ist dabei, dass diese Standards mit dem Team erarbeitet werden. Wer an der Definition beteiligt war, fühlt sich an das Ergebnis anders gebunden als jemand, dem Regeln von oben übergeben wurden.


Autonomie als Grundbedürfnis

Der Schritt, der in der Praxis am häufigsten fehlt, ist die Übertragung echter Entscheidungsautorität. Nicht die Aufgabe, nicht das Projekt. Das Recht zu entscheiden. Inklusive des Rechts, dabei einen Fehler zu machen.

Edward Deci und Richard Ryan haben in der Selbstbestimmungstheorie drei grundlegende menschliche Bedürfnisse identifiziert: Kompetenz, soziale Einbindung und Autonomie. Autonomie, im Sinne von echtem Handlungsspielraum und eigener Entscheidungskraft, ist ein psychologisches Grundbedürfnis, das, wenn es dauerhaft nicht erfüllt wird, Motivation erodiert. Teams, denen Aufgaben übergeben werden, die Entscheidungsgewalt aber nicht, sind keine eigenständig agierenden Teams. Sie sind Ausführende.

Dahinter steckt ein Organisationsprinzip, das David Marquet auf seinem U-Boot konsequent umgesetzt und in seinem Buch "Turn the Ship Around" beschrieben hat: Bewegt nicht die Information dorthin, wo die Entscheidungsautorität liegt. Bewegt die Entscheidungsautorität dorthin, wo die Information ist. Das geht gegen die Intuition der meisten Hierarchien, in denen Informationen nach oben fliessen, damit die Führungsebene entscheiden kann. Dabei sitzt das relevante Wissen meistens viel näher am Geschehen. Wer entscheidet, weiss am wenigsten. Wer am meisten weiss, entscheidet nicht.

Eine Frage, die ich Führungskräften manchmal stelle, lautet: In welchen Bereichen könnte dein Team ab morgen selbst entscheiden, wenn du es liessest? Die Antworten sind meistens überraschend. Oft wäre es fast alles. Das Potenzial für Eigenständigkeit ist vorhanden. Die Führungsarchitektur erlaubt es nur nicht.


Der Preis des Übergangs

Wer Verantwortung wirklich abgibt, zahlt zunächst einen Preis. Entscheidungen werden anders getroffen, als man selbst es getan hätte. Manchmal schlechter. Projekte verlaufen nicht wie geplant.

Die relevante Frage ist nicht, ob das passiert. Sie passiert. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Wer bei jedem Fehler oder jeder Abweichung die Kontrolle zurücknimmt, signalisiert dem Team, dass die übertragene Verantwortung nicht real war. Das Engagement sinkt, die Rückfragen steigen, der Kreislauf beginnt von vorn.

Was diesen Übergang gelingen lässt, ist die Fähigkeit zur Unterscheidung: Was ist ein echter Schaden, der Eingriff erfordert? Was ist ein Lernmoment, den das Team selbst auswerten kann? Diese Unterscheidung ist die eigentliche Führungsarbeit in dieser Phase. Wer sie trifft, schützt das Team vor vermeidbaren Katastrophen und gleichzeitig vor der Entmündigung durch übertriebene Kontrolle.

Eigenständige Teams entstehen nicht, weil Führungskräfte mehr anweisen. Sie entstehen, wenn Führungskräfte aufhören, selbst alles zu machen, und dann konsequent genug sind, das auch auszuhalten.


Wenn du auf dein Team schaust: Welche Entscheidungen laufen heute noch zuverlässig über deinen Tisch, obwohl das eigentlich nicht nötig wäre? Und was würde sich verändern, wenn du die Entscheidungsautorität dorthin verschöbest, wo die Information tatsächlich sitzt?

Im aktuellen ➔ Video gehe ich vier konkrete Schritte durch, mit denen sich genau diese Verschiebung systematisch angehen lässt.


"Der beste Herrscher ist der, von dem das Volk kaum weiss, dass es ihn gibt. Wenn sein Werk vollbracht ist, wenn sein Ziel erreicht ist, sagen alle: Das haben wir selbst getan."
– Lao Tzu (Tao Te Ching, Kapitel 17)

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