Leadership-Impulse

Führen ohne Applaus – über die strategische Einsamkeit an der Spitze

leadership linkedin-newsletter Feb 19, 2026
Führen ohne Applaus – über die strategische Einsamkeit an der Spitze

Es gibt einen Moment in fast jeder Führungsbiografie, über den erstaunlich selten gesprochen wird.

Du hast Verantwortung übernommen. Du triffst Entscheidungen. Du setzt Richtung. Und irgendwann merkst du: Die erhoffte Unterstützung bleibt überschaubar. Menschen ziehen nicht automatisch mit. Initiative entsteht nicht von selbst. Und je höher du steigst, desto leiser wird es um dich herum.

Viele erleben das als Enttäuschung. Manche sogar als Kränkung.

In Wahrheit ist es ein Reifeschritt.


Warum Hilfe nach oben hin abnimmt

Organisationspsychologisch ist das kein Zufall. Mit jeder Hierarchiestufe steigt deine formale Macht – aber deine soziale Rückversicherung sinkt. Studien zur sogenannten „CEO Loneliness“ zeigen seit Jahren: Je höher die Position, desto weniger ehrliches Feedback und desto mehr strategische Einsamkeit.

Das liegt nicht daran, dass Menschen illoyal sind. Es liegt an der Dynamik von Macht. Menschen orientieren sich nach oben. Sie erwarten Klarheit. Sie prüfen Stabilität. Und sie beobachten sehr genau, ob du selbst innerlich gefestigt bist – oder noch auf Zustimmung wartest.

Genau hier beginnt der Denkfehler vieler ambitionierter Führungskräfte. Sie glauben, mit mehr Verantwortung würde auch mehr Unterstützung automatisch folgen. Das Gegenteil ist der Fall: Mit mehr Verantwortung wächst die Erwartung, dass du selbst zur Quelle von Klarheit wirst.

Und das fühlt sich am Anfang nicht besonders bequem an.


1. Selbstmandatierung statt kollektiver Absegnung

Viele Führungskräfte halten sich für entschlossen. Und doch laufen im Hintergrund subtile Gedanken: Vielleicht sollten wir noch einmal abstimmen. Vielleicht brauchen wir noch eine zusätzliche Analyse. Vielleicht ist das Timing noch nicht ideal.

Rational klingt das klug. Psychologisch ist es häufig der Wunsch nach Absicherung.

Die Forschung von Carol Dweck zum „Growth Mindset“ hilft hier weiter. Menschen mit einem dynamischen Selbstbild handeln stärker aus innerer Überzeugung, während Personen mit stärker leistungsabhängigem Selbstwert eher nach externer Bestätigung suchen. Übertragen auf Leadership heißt das: Wenn dein innerer Kompass nicht stabil genug ist, wird Zustimmung zum Ersatz für Klarheit.

Selbstmandatierung bedeutet nicht, andere zu übergehen. Es bedeutet, dass du dein Urteil nicht von Applaus abhängig machst. Du hörst dir Perspektiven an, du beziehst dein Team ein – aber irgendwann sagst du: Das ist die Richtung. Und ich stehe dazu.

Das wirkt ruhiger, als man denkt. Und gleichzeitig stärker.


2. Hör auf, auf das perfekte Spielfeld zu warten

Ein zweiter Klassiker ist das Warten auf bessere Bedingungen. Mehr Budget. Bessere Leute. Stabilerer Markt. Weniger Widerstand.

Das klingt vernünftig – ist aber oft ein fragiles Führungsverständnis.

Der Risikoforscher Nassim Taleb unterscheidet zwischen robusten und antifragilen Systemen. Robuste Systeme versuchen, Störungen auszuhalten. Antifragile Systeme profitieren von ihnen. Übertragen auf Leadership bedeutet das: Robuste Leader warten auf ruhigere Zeiten. Antifragile Leader gestalten gerade in unruhigen Zeiten.

Du kannst das Umfeld nicht vollständig kontrollieren. Aber du kannst Standards setzen. Du kannst Gesprächsqualität erhöhen. Du kannst Ambition definieren, statt sie an die Stimmungslage anzupassen. Du kannst klar machen, was akzeptabel ist – und was nicht.

In vielen Gesprächen höre ich: „Wenn mein Team nur etwas mehr Eigeninitiative zeigen würde …“

Die unbequemere, aber wirkungsvollere Frage lautet: Welche Spielregeln habe ich etabliert, die Eigeninitiative wahrscheinlicher machen?

Das Spielfeld entsteht nicht zufällig. Es wird täglich durch deine Haltung geformt. Und ja, das ist anstrengender als zu hoffen, dass es irgendwann einfacher wird.


3. Unabhängigkeit vom Applaus – der eigentliche Reifetest

Hier wird es persönlich.

Viele erfolgreiche Menschen sind nach oben gekommen, weil Leistung gesehen und anerkannt wurde. Sichtbarkeit war Treibstoff. Feedback war Bestätigung.

Auf höheren Ebenen ändert sich das Spiel. Nicht jede gute Entscheidung wird gefeiert. Manche werden kritisiert. Und manchmal kommt schlicht – nichts.

Neuropsychologische Studien zeigen, dass soziale Zurückweisung im Gehirn ähnliche Areale aktiviert wie physischer Schmerz. Kein Wunder also, dass Führungskräfte unbewusst dazu neigen, Entscheidungen zu vermeiden, die Ablehnung auslösen könnten.

Wenn deine Konsequenz davon abhängt, ob jemand klatscht, wirst du vorsichtiger. Du beginnst, Konsens über Klarheit zu stellen.

Reife Führung bedeutet nicht Gefühllosigkeit. Sie bedeutet emotionale Stabilität trotz möglicher Ablehnung. Applaus ist willkommen – aber er ist kein Geschäftsmodell.

Und ganz nebenbei: Viele Teams spüren sehr genau, ob du aus Überzeugung handelst oder aus dem Bedürfnis nach Zustimmung. Das eine erzeugt Vertrauen. Das andere Unsicherheit.


Die paradoxe Befreiung

„Es wird dir niemand helfen“ klingt zunächst hart.

In Wahrheit ist es befreiend.

Denn in dem Moment, in dem du akzeptierst, dass Unterstützung kein Automatismus ist, verschwindet das Warten. Du wartest nicht mehr auf perfekte Umstände. Nicht mehr auf vollständige Zustimmung. Nicht mehr auf emotionale Bestätigung.

Du beginnst zu gestalten.

Und genau dort entsteht Freiheit im Leadership.

Interessanterweise berichten viele Führungskräfte, dass sie sich weniger allein fühlen, sobald sie aufhören, Hilfe zu erwarten. Warum? Weil die innere Spannung nachlässt. Sie akzeptieren die Rolle – statt gegen sie anzukämpfen.


Eine Frage, die es in sich hat

Wo wartest du aktuell noch auf Unterstützung, die vielleicht nie kommt?

Und was würdest du entscheiden, wenn du wüsstest, dass niemand klatscht – du aber überzeugt bist, dass es richtig ist?

Vielleicht liegt genau dort dein nächster Entwicklungsschritt.

🎥 In meinem aktuellen YouTube-Video gehe ich auf diese drei Perspektiven noch konkreter ein – mit Beispielen aus der Praxis und klaren Umsetzungsideen.

👉 Hier findest du das Video.

Schau es dir an – besonders dann, wenn du spürst, dass du innerlich noch zu oft wartest.

PS: Führung wird nicht leichter, wenn mehr Leute klatschen. Sie wird leichter, wenn du weniger darauf angewiesen bist.

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