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Das Problem (fast) aller Führungskräfte mit der Priorisierung

leadership linkedin-newsletter produktivität Jun 04, 2026
Das Problem (fast) aller Führungskräfte mit der Priorisierung

Ich stelle diese Frage regelmässig im Coaching: Was ist dein wichtigstes Ziel dieses Quartals? Wenn das Gegenüber sofort antwortet, ist das ein gutes Zeichen. Wenn ein kurzes Zögern kommt, weiss ich: Hier liegt die erste Ursache. Und was danach folgt, ist meistens keine Überraschung mehr.

In meinem aktuellen ➔ Video gehe ich einem Muster nach, das ich seit Jahren beobachte.

Fast alle Führungskräfte wissen theoretisch, dass sie priorisieren sollten. Die Erkenntnis, dass mehr als drei Prioritäten keine Prioritäten mehr sind, ist nicht neu.

Und trotzdem scheitert Priorisierung im Alltag mit stabiler Regelmässigkeit. Nicht am Wissen.

Die Ursache liegt tiefer: drei strukturelle Probleme, die kaum jemand klar benennt, und ein vierter Hebel, der fast vollständig übersehen wird. Im Video geht es um die konkrete Umsetzung.

Hier schaue ich mir die Mechanismen dahinter genauer an.

Warum die Eisenhower-Matrix alleine nicht ausreicht

Das Werkzeug ist gut. Vier Quadranten, zwei Achsen, klar strukturiert. Die meisten Führungskräfte kennen es. Und trotzdem: Wenn ich mit Teams arbeite und gemeinsam anschauen, wie die Zeit tatsächlich verteilt wird, ergibt sich fast immer dasselbe Bild. Achtzig Prozent oder mehr der Zeit landen im Quadranten "wichtig und dringend." Kundenanfragen, Meetings, die nicht delegiert wurden, Probleme, die eskaliert sind. Ist ja alles wichtig und dringend.

Das Problem sitzt nicht in der Matrix. Es sitzt im Verständnis von "wichtig."

Forschende der Johns Hopkins University haben in mehreren Studien ein Phänomen untersucht, das sie "Mere Urgency Effect" nennen. Das Ergebnis: Menschen wählen systematisch dringende Aufgaben gegenüber wichtigen Aufgaben, selbst wenn sie explizit wissen, dass die wichtige Aufgabe wertvoller ist. In mehreren dieser Experimente wählte die deutliche Mehrheit der Teilnehmer die dringende Option, obwohl sie einen geringeren Ertrag brachte. Der entscheidende Befund dabei: Die Dringlichkeit war vollständig künstlich konstruiert. Sie existierte nur als Label auf der Aufgabe, ohne jeden sachlichen Hintergrund.

Dahinter steckt ein präziser psychologischer Mechanismus. Dringlichkeit erzeugt das Gefühl unmittelbaren Fortschritts. Wer etwas Dringendes löst, spürt sofort Erleichterung, eine kleine Entlastung, ein klares Signal. Wer an strategisch Wichtigem arbeitet, bekommt kein unmittelbares Signal zurück. Die Aufgabe bleibt vage, der Fortschritt ist lange unsichtbar. Unser Gehirn bevorzugt die kürzere Rückkopplungsschleife fast automatisch, und das gilt für erfahrene Führungskräfte genauso wie für alle anderen.

Das erklärt ein Muster, das ich in Führungsteams immer wieder beobachte: Der Quadrant "wichtig und dringend" quillt über, weil vieles, das strategisch nicht wichtig ist, sich subjektiv dringend anfühlt, und weil dringende Aufgaben eine Anziehungskraft haben, die sich auch bei bewusstem Gegensteuern kaum vollständig überwinden lässt. Die Eisenhower-Matrix liefert die richtige Struktur. Sie kann aber nicht liefern, was die Anwendung voraussetzt: einen klaren Massstab dafür, was "wichtig" im strategischen Sinne überhaupt bedeutet.

Das Ziel als Voraussetzung für jeden Massstab

"Wichtig" im Sinne einer nützlichen Priorisierung bedeutet: strategisch langfristig relevant für das, was ich oder wir tatsächlich erreichen wollen. Ein Kundenanruf kann dringend sein. Er ist strategisch wichtig nur dann, wenn dieser Kunde für die langfristige Richtung des Unternehmens bedeutsam ist. Ein Meeting ist selten strategisch wichtig, auch wenn es sich im Moment so anfühlt. Das Herausarbeiten dieses Unterschieds ist unangenehm, weil es bedeutet, die eigene Tätigkeit eines Tages kritisch zu hinterfragen.

Diesen Unterschied erkennen und konsequent anwenden setzt etwas voraus: ein klares, fassbares Ziel.

Edwin Locke und Gary Latham haben in mehr als vier Jahrzehnten Forschung zur Zielsetzungstheorie gezeigt, dass spezifische, anspruchsvolle Ziele die Leistung in über neunzig Prozent aller untersuchten Situationen verbessern, im Schnitt um sechzehn bis vierundzwanzig Prozent gegenüber vagen "tu dein Bestes"-Instruktionen. Ihr Befund ist einer der am besten replizierten in der Organisationspsychologie. Für die Frage der Priorisierung ist jedoch ein anderer Aspekt ihrer Arbeit noch relevanter: Ohne klares Ziel fehlt der Referenzpunkt vollständig. Was wichtig ist, lässt sich nicht beurteilen, wenn nicht klar ist, wohin die Reise überhaupt gehen soll.

Jim Collins und Jerry Porras haben in "Built to Last" das Konzept des BHAG geprägt: Big Hairy Audacious Goal, ein grosses, klares, anspruchsvolles Ziel, das Orientierung gibt und gleichzeitig zwingt, alles daran zu messen. Gary Keller destilliert denselben Gedanken in "The One Thing" auf eine einzige Frage: Was ist die eine Sache, die du tun kannst, sodass durch sie alles andere leichter oder überflüssig wird? Die These klingt extrem. Der Kern ist unbestreitbar: Wer die Antwort auf diese Frage sofort geben kann, priorisiert anders als jemand, der zögert. Nicht weil er disziplinierter ist, sondern weil er einen Massstab hat.

Maximal drei grosse Prioritäten, abgeleitet aus diesem Ziel, sind die operative Konsequenz. Mehr als drei, und das Wort Priorität verliert seine Bedeutung.

Das Unangenehme daran: Wenn das Ziel wirklich klar ist, ist auch klar, was nicht mehr wichtig ist. Projekte, an denen man seit Monaten arbeitet, Gewohnheiten, die als professionelle Selbstverständlichkeit gelten, Themen, die einem persönlich wichtig sind, können auf einmal nicht mehr im strategischen Quadranten landen. Dieses Weh ist ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass der Massstab funktioniert.

Die Stopp-Liste: das Dokument, das fast niemand führt

Wenn das Ziel steht und die wichtigsten Prioritäten daraus abgeleitet sind, folgt eine Frage, die in den meisten Führungsrunden nie gestellt wird: Was hörst du dafür auf zu tun?

Steve Jobs hat es so formuliert: "Ich bin genauso stolz auf das, wozu ich Nein gesagt habe, wie auf das, was wir realisiert haben." Das klingt einleuchtend. Trotzdem führen Führungskräfte fast überall Prioritätenlisten, und fast nirgends Stopp-Listen.

Der Grund ist tief in der menschlichen Entscheidungspsychologie verankert. Daniel Kahneman und Amos Tversky haben mit ihrer Forschung zur Verlustaversion gezeigt, dass Verluste etwa doppelt so stark gewichtet werden wie gleichwertige Gewinne. Etwas aufzugeben fühlt sich immer wie ein Verlust an, auch wenn es vernünftig ist, auch wenn die Person weiss, dass es die richtige Entscheidung wäre. Dazu kommt, was die Verhaltensökonomen William Samuelson und Richard Zeckhauser 1988 als Status-quo-Bias beschrieben haben: In ihren Studien bevorzugten Menschen systematisch die bestehende Situation gegenüber Alternativen, selbst wenn eine rationale Analyse klar für die Änderung sprach. Das ist keine Schwäche einzelner Menschen. Es ist ein strukturelles Muster menschlicher Entscheidungspsychologie.

Was das in der Praxis bedeutet: Führungskräfte sammeln Aufgaben, Projekte und Verantwortlichkeiten an, weil Hinzufügen sich leichter anfühlt als Weglassen, nicht weil das Weglassen weniger sinnvoll wäre. Greg McKeown beschreibt das in "Essentialism" als "undisciplined pursuit of more", die Tendenz, immer mehr anzuhäufen, ohne je bewusst zu reduzieren. Sein Gegenentwurf: "the disciplined pursuit of less, but better." Das bleibt in vielen Führungsalltagen abstrakt, solange keine konkrete Stopp-Liste existiert.

Eine Stopp-Liste beantwortet drei Fragen: Was mache ich ab sofort nicht mehr? Was mache ich substanziell weniger? Was delegiere ich vollständig? Und sie hat eine Eigenschaft, die psychologisch wichtig ist: Sie muss bewusst entstehen. Wer sie dem Zufall überlässt, füllt sie trotzdem, nur unbewusst und in die falsche Richtung.

Das Umfeld: wo gute Priorisierung täglich scheitert

Selbst mit klarem Ziel und Stopp-Liste begegnet Priorisierung einem dritten Problem: Aufgaben, die nicht auf den eigenen Prioritäten stehen, landen täglich trotzdem auf dem Schreibtisch.

Das ist kein persönliches Versagen und kein Zufall. In vielen Organisationen gibt es eine strukturelle Gravitation nach oben. Entscheidungen, Rückfragen und Abstimmungen wandern automatisch zur Führungskraft, weil das System so gebaut ist. Jemand braucht eine Freigabe. Eine Frage lässt sich am schnellsten direkt klären. Ein Problem braucht eine Entscheidung, die technisch auch das Team treffen könnte, aber historisch immer nach oben gewandert ist. Kurzfristig fühlt sich das effizient an. Mittelfristig füllt es die Agenda der Führungskraft mit allem ausser dem, was dort stehen sollte.

Googles Projekt Aristotle, eine mehrjährige Untersuchung zu Hochleistungsteams, zeigt: Teams arbeiten besser, wenn Führungskräfte weniger entscheiden müssen, weil Verantwortung und psychologische Sicherheit im Team selbst verankert sind. Das ist kein Soft-Skill-Befund. Es ist eine Aussage darüber, wie Kapazität auf der Führungsebene freigesetzt wird, damit Priorisierung im Alltag überhaupt Bestand haben kann.

Ein einfacher Indikator dafür, ob das Umfeld richtig aufgebaut ist: Wenn die drei wichtigsten Prioritäten achtzig Prozent der verfügbaren Zeit verdienen sollten und der Rest zwanzig, und diese zwanzig werden schleichend zu vierzig oder sechzig, dann ist das Problem nicht die Methode. Es ist die Systemstruktur. Die Priorisierung wurde theoretisch vollzogen. Das System holt sie täglich zurück.

Der vierte Faktor: Identität als Hebel

Es gibt noch einen Hebel, der keinem Werkzeug ähnelt und deshalb in Werkzeugkisten selten vorkommt.

James Clear beschreibt in "Atomic Habits" die Forschung zur identitätsbasierten Verhaltensänderung. Grundlage ist unter anderem Forschung von Christopher Bryan an der Stanford University, der in Studien zur Wahlbeteiligung zeigte: Die Frage "Willst du heute wählen?" führte zu messbar niedrigerer Wahlbeteiligung als die Frage "Willst du ein Wähler sein?" Dasselbe Verhalten, zwei verschiedene Rahmungen, klar unterschiedliche Ergebnisse. Das Selbstbild bestimmt das Verhalten stärker als die konkrete Absicht.

Für Priorisierung bedeutet das: Der Unterschied zwischen "Ich versuche, klarer zu priorisieren" und "Ich bin jemand, der nie mehr als drei Prioritäten hat" ist nicht semantisch. Wer die erste Rahmung hat, prüft jeden Eingang als potenzielle Ausnahme und findet meistens einen Grund, ihn anzunehmen. Wer die zweite hat, braucht diese Prüfung nicht. Die Entscheidung ist bereits in der Identität gefällt.

Dieses Selbstverständnis lässt sich aufbauen. Es braucht Zeit, manchmal einen Sparringspartner von aussen, der nachbohrt und herausfordert, und es verlangt, unbequeme Fragen über die eigene Rolle zu beantworten. Was genau ist meine Aufgabe, wenn nicht alles? Wofür bin ich wirklich verantwortlich, und wofür anderen Raum zu geben? Das sind keine angenehmen Fragen. Sie sind aber die richtigen.

Was dieser Mechanismus für den Alltag bedeutet

Zeitmanagement-Methoden lösen dieses Problem nicht. Das klingt hart, ist aber präzise: Zeitmanagement setzt voraus, dass die richtigen Dinge bereits auf der Liste stehen, und optimiert dann deren Abarbeitung. Priorisierung fragt, ob die richtigen Dinge überhaupt auf der Liste stehen. Das sind verschiedene Fragen, und sie verlangen verschiedene Antworten.

Wer keinen klaren Massstab für Wichtigkeit hat, priorisiert nach Dringlichkeitsgefühl. Wer keine Stopp-Liste führt, hat die Prioritätenliste nur auf dem Papier vollzogen, das Umfeld holt sie zurück. Wer das Team nicht empowert, landet täglich mit Aufgaben, die dort nicht hingehören. Wer das eigene Selbstverständnis nicht verändert, kämpft täglich gegen Muster, die tiefer sitzen als jeder gute Vorsatz.

Das sind keine Technikschwächen. Das sind Führungsentscheidungen.

Wenn du diese Veränderungen noch nicht gemacht hast: Sie brauchen Zeit. Verhaltens- und Denkmuster, die sich über Jahre aufgebaut haben, verschieben sich nicht in einer Woche. Such dir einen Sparringspartner, der dich herausfordert, wenn die Antwort auf die Ziel-Frage zögerlich kommt.

Die Frage zum Schluss

Wenn du jetzt ein Mitglied aus deinem nächsten Kreis fragst, was die drei wichtigsten Prioritäten dieses Quartals sind, würde es dieselbe Antwort geben wie du?

Und wenn du auf die letzten vier Wochen schaust: Wie viel deiner Zeit hat tatsächlich auf diesen Prioritäten gelegen, und wie viel war Reaktion auf das, was gerade dringend schien?

➔ Im Video gehe ich auf alle vier Hebel mit konkreten Umsetzungsschritten ein.


"Wenn du dein Leben nicht priorisierst, tut es jemand anderes für dich."
– Greg McKeown, Autor und Berater, aus "Essentialism" (2014)

 

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